Man hat's nicht leicht
Meine Großmutter wird mit dem Alter immer engstirniger. Sie hat mehr als dreißig Jahre lang in derselben Blocksiedlung meiner Heimatstadt gewohnt, dort wo auch viele Spätaussiedler aus Russland und Polen Unterkunft gefunden haben. So hartnäckig sie sich ein Jahrzehnt lang geweigert hat, in eine seniorengerechte Wohnung umzuziehen, so ausdauernd nörgelte sie über ihre Nachbarn. Das Pärchen im Dachgeschoss sei immer besoffen und malträtiere die Katze. Das "Russenpack" drehe entweder die Musik zu laut oder vagabundiere nachts auf der Straße.
Vor einem halben Jahr haben meine Verwandten es mit vereinter Kraft geschafft, meine Oma von einer ebenerdigen, ruhig gelegenen Zweizimmerwohnung in einem anderen Stadtviertel zu überzeugen. Jetzt sagt sie immer, sie langweile sich dort. Ich glaube ihr das. Als ich das letzte Mal zu Besuch war, sind wir im Neubauviertel spazieren gegangen und vor einem großen, rechteckigen Bauwerk mit weißen Säulen stehen geblieben. In diesem und dem fast identisch aussehenden Haus daneben wohnen: zwei Aussiedlerfamilien.
„Wie können die sich das leisten?“ empört sich meine Großmutter. „Zwei solche Klötze hierhin zu setzen.“ Zufällig geht in diesem Moment die Haustür auf und einer der Bewohner verlässt das Gebäude. „Oma,“, raune ich, „brüll nicht so laut.“ „Doch! Als Deutsche möchte ich wissen, woher die bitteschön das Geld haben, um sich so ein Haus zu bauen!“ – „Die Leute sind dir über ihr Einkommen Rechenschaft schuldig, weil du Deutsche bist...?“ „Ähm, nein...“ antwortet sie unsicher, ihr streitlustiger Blick verirrt sich. Da kommt mir der Verdacht, dass normalerweise niemand so genau zuhört, wenn meine Oma sich beschwert. Vielleicht war das, was sie eigentlich sagen wollte, folgendes: Warum geht es denen gut und mir schlecht? Das Älterwerden muss in der alten Wohnung leichter gewesen sein. Dort ging es ihr schließlich nach eigenem Ermessen – als Deutsche – immer noch besser als den Nachbarn.
mieke am 21. September 10
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