Dienstag, 21. September 2010
Man hat's nicht leicht
Meine Großmutter wird mit dem Alter immer engstirniger. Sie hat mehr als dreißig Jahre lang in derselben Blocksiedlung meiner Heimatstadt gewohnt, dort wo auch viele Spätaussiedler aus Russland und Polen Unterkunft gefunden haben. So hartnäckig sie sich ein Jahrzehnt lang geweigert hat, in eine seniorengerechte Wohnung umzuziehen, so ausdauernd nörgelte sie über ihre Nachbarn. Das Pärchen im Dachgeschoss sei immer besoffen und malträtiere die Katze. Das "Russenpack" drehe entweder die Musik zu laut oder vagabundiere nachts auf der Straße.

Vor einem halben Jahr haben meine Verwandten es mit vereinter Kraft geschafft, meine Oma von einer ebenerdigen, ruhig gelegenen Zweizimmerwohnung in einem anderen Stadtviertel zu überzeugen. Jetzt sagt sie immer, sie langweile sich dort. Ich glaube ihr das. Als ich das letzte Mal zu Besuch war, sind wir im Neubauviertel spazieren gegangen und vor einem großen, rechteckigen Bauwerk mit weißen Säulen stehen geblieben. In diesem und dem fast identisch aussehenden Haus daneben wohnen: zwei Aussiedlerfamilien.
„Wie können die sich das leisten?“ empört sich meine Großmutter. „Zwei solche Klötze hierhin zu setzen.“ Zufällig geht in diesem Moment die Haustür auf und einer der Bewohner verlässt das Gebäude. „Oma,“, raune ich, „brüll nicht so laut.“ „Doch! Als Deutsche möchte ich wissen, woher die bitteschön das Geld haben, um sich so ein Haus zu bauen!“ – „Die Leute sind dir über ihr Einkommen Rechenschaft schuldig, weil du Deutsche bist...?“ „Ähm, nein...“ antwortet sie unsicher, ihr streitlustiger Blick verirrt sich. Da kommt mir der Verdacht, dass normalerweise niemand so genau zuhört, wenn meine Oma sich beschwert. Vielleicht war das, was sie eigentlich sagen wollte, folgendes: Warum geht es denen gut und mir schlecht? Das Älterwerden muss in der alten Wohnung leichter gewesen sein. Dort ging es ihr schließlich nach eigenem Ermessen – als Deutsche – immer noch besser als den Nachbarn.



Montag, 6. September 2010
Wo Rauch ist, ...
Sachen, die man nicht in die Mikrowelle legen sollte: Erkaltete Aufbackbrötchen. Sie brennen viel besser, als man denkt. Zwei Minuten auf der Drehscheibe genügen.




Freitag, 3. September 2010
Dann werd ich halt Chinesin!
Ich bin heute ein bisschen kribbelig geworden, als ich folgende Website aufgerufen habe:



Der DAAD ist der Deutsche Akademische Austauschdienst. Studierende, die ins Ausland wollen, bewerben sich dort unter anderem für Stipendien und bekommen auch eines, mit etwas Glück (plus unzähligen Kniefällen, Nervenzusammenbrüchen, hundert Ave Marias usw...). Ich habe einige Monate in Shanghai als Deutschlehrerin gearbeitet und dort DAAD-Lektoren kennen gelernt. Bei einem Auslandslektorat handelt es sich um einen Aufenthalt auf Zeit – das Minimum sind zwei, das Limit fünf Jahre. Es beinhaltet vor allem Studienberatung und Lehrtätigkeit an der ausländischen Hochschule.

Im Laufe der Zeit setzte sich so ein Stimmchen in meinem Hinterkopf fest – warum nicht im Ausland arbeiten – warum nicht in China arbeiten? Nur für eine Weile. Doch es blieb nicht bei dieser einen Stimme, es kamen andere dazu, auch von außen. Zum Beispiel die meiner Mutter: Ich will nicht, dass du in dieser kommunistische Terrorregime gehst! Nun, sie hat es halb im Scherz gesagt und es ist schon eine Weile her, aber dieser Ausspruch ist bei mir haften geblieben. Er vereint ungefähr alle Ängste, die man haben kann, wenn man sonst nichts über China weiß. Ich weiß auch nicht alles über dieses Land, noch nicht einmal besonders viel. Und auch über mich selbst weiß ich offenbar nicht genug – warum gerade China und will ich dort wirklich hin? Und werde ich es bereuen, wenn ich mich dafür entscheide? Wie wird man sich über eine wichtige Entscheidung wie diese klar? Fragen über Fragen. Am 23. September werde ich zumindest wissen, ob es Ausschreibungen gibt und was vorausgesetzt wird – obwohl das für mich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht relevant ist, da ich noch zwei Semester studiere.